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Bananenrepublik Schweiz Print E-mail

 NZZ am Sonntag, 06.01.2008

Warum ist die Banane krumm? Auf diese beliebte Kinderfrage wissen wir Erwachsenen seit die Frucht bei uns im Handel ist nur eine Antwort: «Weil niemand in den Urwald zog und sie gerade bog.» Das ist nur eines vieler Märchen über die Banane. Keine andere Pflanze ist so berühmt und gleichzeitig so unverstanden wie sie.

Wer sich in letzter Zeit Schweizer Vorgärten angeschaut hat, der wundert sich einmal mehr über das seltsame Gewächs aus dem «Urwald». Allenthalben spriessen ganze Gruppen von Bananen-Stauden aus dem Boden. Die nunmehr kalten Herbsttemperaturen scheinen ihnen offenbar wenig auszumachen, treiben sie doch unbekümmert ihre grossen Blätter aus dem Stamm hervor als hiesse die Gegend nicht Zürcher Oberland sondern Nordost-Thailand.
Manch einer mag ihr Auftauchen der Klimaerwärmung in die Schuhe schieben wollen. Schliesslich ist die Schweiz Dank ihr auf dem Weg, ein erstklassiges Weinanbauland zu werden. Der Bananenanbau ist da lediglich der nächste logische Schritt. Die Schweiz als Bananenrepublik? Jetzt ist endgültig die Zeit gekommen, alle wagen Vermutungen, Halbwahrheiten und falschen Wortwendungen aus der Welt zu schaffen.
Der Volksmund nennt sie Baum, doch sie ist es nicht. Bäume bestehen zu einem grossen Teil aus Holz, doch die Bananen-Staude bildet keine Holzzellen. Die Blätter enthalten sehr viele Fasern, doch Holz sucht man vergeblich in ihnen. Selbst ihr Stamm besteht nur aus dicht aneinander liegenden, hoch aufgerichteten Blättern. Der Botaniker nennt diese Konstruktion auch «Schein-Stamm». Die korrekte Bezeichnung einer holzfreien Pflanze ist «Kraut». Die Banane ist daher mit einer Wuchshöhe von bis zu drei Metern das grösste Kraut der Erde.
Wer bei der Banane auch gleich an den dazugehörigen Affen denkt, liegt schon wieder falsch.
Der Schimpanse hat so wenig mit ihr zu tun, wie die Kuh mit der Melchmaschine. Sie sind ein vom Mensch verkuppeltes Paar. Der erste Schimpanse dürfte frühestens im 20. Jahrhundert in einem europäischen Zoo Bekanntschaft mit der Banane gemacht haben, trudelte sie selbst doch erst um 500 AD in Afrika ein.
Wenn es auch der Kindervers anders suggeriert: die süssen Essbananen sind kein Produkt des Urwaldes sondern entspringen der Zivilisation. Wilde Bananen-Pflanzen produzieren kleine Früchte mit einem sehr geringen Fruchtfleischanteil. Daneben enthalten sie viele harte Samen. Die Menschen auf der malaysischen Halbinsel, dem Ursprungsgebiet der Essbananen, haben schon vor Jahrtausenden Stauden angebaut, um aus ihnen Fasern zu gewinnen. 
Dabei stellten sie fest, dass die Früchte einiger Pflanzen keine Samen sondern nur ihr süsses Fruchtfleisch enthielten. Auf den Geschmack gekommen selektierten die Menschen die Stauden fortan für grosse, samenfreie Früchte. Vor allem Hybride der beiden Bananenarten Musa acuminata und Musa balbisiana produzierten eine grosse Palette von Früchten mit unterschiedlichem Zucker- und Stärkegehalt. Die Zuchtbananen bringen es heute zusammen auf über 1000 Kreuzungen und Varianten. Der Familie der Bananen gehören aber auch 70 wilde Arten an.
Zumindest zwei von ihnen sind kälteresistenter als alle anderen. Eine, die Musa basjoo, kommt aus China, die andere, Musa sikkimensis, wächst auf den Ausläufern des Himalajas in Indien. Beide ertragen Temperaturen unter null Grad Celsius. Einige Händler behaupten sogar, dass sie bis minus 18 Grad überleben würden. Peter Enz, Gartenleiter des Botanischen Gartens der Universität Zürich bezweifelt das jedoch. Überhaupt beziehen sich solche Temperaturangaben nur auf die Kälteresistenz der Wachstumsknospe und nicht auf die empfindlichen Blätter. «Oberirdisch geht im Winter alles kaputt», sagt Enz.
Die Wachstumsknospe liegt knapp oberhalb des Bodens im Innern des Schein-Stamms. Sie muss im Winter mit Laub isoliert werden. Zudem sollte man die Staude mit einem Plastik abdecken, damit kein Wasser in ihr Zentrum zur Knospe fliesst und diese beim Gefrieren zerstört. Richtig eingepackt überlebt sie einige Grad minus durchaus. Im Frühling spriessen dann neue Blätter aus ihr hervor und die Bananen-Staude erstrahlt in frischem Glanz.
Die milden Winter der letzen beiden Jahre haben insofern tatsächlich etwas mit dem Aufkommen der exotischen Pflanzen zu tun. Die warmen Temperaturen ermöglichten auch Anfängern ein erfolgreiches Überwintern ihrer Pflanzen, sagt David Constantine aus Grossbritannien, der schon seit Jahren Bananen für den Verkauf in Gärtnereien züchtet. Dass die Pflanze im Augenblick so beliebt ist führt er auch auf die aktuelle Gartenmode zurück. «Das ist ein wiederkehrendes Phänomen», sagt er. Daneben haben Fortschritte in der Vermehrung durch Zellkultur die Preise von Musa basjoo und sikkimensis zusammenfallen lassen. Und nicht zuletzt ist das Internet die neue treibende Kraft hinter dem Handel mit exotischen Pflanzen. Per Mausklick lassen sich Samen und Pflanzen am Bildschirm bestellen und per Post ins Haus liefern.
Wer seinen Kindern etwas Gutes tun will, der sollte ihnen bei der nächsten Gelegenheit folgendes sagen: «Die Blüte des Bananen-Krauts wächst in einem grossen Bogen aus seinem Schein-Stamm hervor und zeigt schliesslich nach unten. Die kleinen Früchte wachsen im Schatten des Blütenblatts darum ebenfalls nach unten. Wenn das Blütenblatt abfällt, beginnen die Bananen jedoch nach oben dem Licht der Sonne entgegen zu wachsen. Wegen dieser Kursänderung während ihrer Entwicklung sind die ausgewachsenen Früchte krumm.»

 
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